Delog bezeichnet in der tibetischen Tradition eine Person, die den Zustand des Todes vorübergehend erfährt und ins Leben zurückkehrt, um von dem Gesehenen zu berichten. Der Delog ist kein Toter und kein Medium, sondern ein Grenzgänger, dessen Bewusstsein die Schwelle überschreitet, während der Körper noch erhalten bleibt.
Symbolisch steht der Delog für die Rückkehr aus der Endgültigkeit. Er bringt keine abstrakten Lehren, sondern konkrete Eindrücke: Ordnung, Konsequenz, Maß. Die jenseitige Welt erscheint nicht als Erlösung oder Strafe, sondern als Fortsetzung von Wirksamkeit. Handlungen tragen Gewicht über den Tod hinaus.
Esoterisch gelesen ist der Delog eine Figur der Zeugenschaft. Er beweist nichts, erklärt nichts, überzeugt niemanden. Seine Aufgabe ist es, gesehen zu haben. Die Autorität des Delog entsteht nicht aus Interpretation, sondern aus der Tatsache der Rückkehr. Das Erlebte bleibt fragmentarisch, schwer übersetzbar, oft erschütternd.
In tieferer symbolischer Bedeutung steht der Delog für das menschliche Bedürfnis, dem Tod Bedeutung und Struktur zu geben, ohne ihn zu entschärfen. Er macht das Unsagbare nicht harmlos, sondern sagbar. Der Delog erinnert daran, dass Grenze nicht Abbruch bedeutet – sondern Übergang, der Spuren hinterlässt.