H. W. L. Poonja (1910–1997), allgemein als Papaji bekannt, war ein indischer spiritueller Lehrer der Advaita-Vedanta-Tradition. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der modernen Lehre der Nicht-Dualität und war ein direkter Schüler von Ramana Maharshi. Durch seine Satsangs in Lucknow beeinflusste er zahlreiche westliche und östliche Lehrer, darunter Gangaji.
Papajis spiritueller Weg begann in der Tradition der Bhakti, der hingebungsvollen Gottesverehrung. Trotz intensiver religiöser Erfahrungen blieb für ihn die Frage nach der endgültigen Wahrheit offen. Die Begegnung mit Ramana Maharshi wurde zum Wendepunkt seines Lebens. Ramana lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Frage: „Wer bin ich?“ Aus dieser Begegnung entwickelte sich Papajis zentrale Lehre der unmittelbaren Selbsterkenntnis.
Symbolisch steht Papaji für das Prinzip der direkten Befreiung. Anders als viele spirituelle Systeme, die lange Übungswege betonen, vertrat er die Auffassung, dass die wahre Natur des Menschen bereits vollständig gegenwärtig sei. Befreiung müsse daher nicht erarbeitet, sondern lediglich erkannt werden. Wahrheit sei kein zukünftiges Ziel, sondern die immer schon vorhandene Grundlage aller Erfahrung.
Parapsychologisch-symbolisch ist Papaji insofern bemerkenswert, als er außergewöhnlichen Erfahrungen nur geringe Bedeutung beimaß. Visionen, Energien, Siddhis, mystische Zustände oder paranormale Phänomene betrachtete er als vorübergehende Erscheinungen des Geistes. Für ihn lag die eigentliche Erkenntnis nicht in außergewöhnlichen Erlebnissen, sondern im Erkennen desjenigen, der alle Erfahrungen wahrnimmt. Dadurch verschob er den Fokus von den Inhalten des Bewusstseins auf dessen Ursprung.
In seinen Gesprächen betonte Papaji häufig die Möglichkeit einer sofortigen Erkenntnis. Der Suchende müsse nichts werden, nichts erreichen und keine neue Identität erwerben. Alles Streben halte vielmehr die Illusion aufrecht, dass etwas fehle. Seine Lehre zielte daher auf ein unmittelbares Erkennen der bereits vorhandenen Freiheit.
In tieferer symbolischer Bedeutung verkörpert Papaji den Archetyp des Lehrers der unmittelbaren Gegenwart. Er steht für die Einsicht, dass das Gesuchte bereits vorhanden ist und dass die größte Barriere oft die Suche selbst darstellt. Seine Botschaft erinnert an ein zentrales Motiv der Mystik: Die Wahrheit liegt nicht in der Ferne, sondern im Ursprung des gegenwärtigen Bewusstseins. Papaji symbolisiert damit die radikale Einfachheit spiritueller Erkenntnis – die Entdeckung dessen, was niemals verloren war.