Lu bezeichnet im alten tibetischen Weltverständnis eine Klasse von schlangen- oder drachenartigen Wesen, die mit Wasser, Tiefe, Feuchtigkeit und verborgener Lebenskraft verbunden sind. Lu sind keine Dämonen und keine Götter im hohen Sinn, sondern mächtige Orts- und Ordnungswesen, deren Wirksamkeit an Quellen, Seen, Flüsse und unterirdische Bereiche gebunden ist.
Symbolisch steht die Schlangengestalt der Lu für das zyklische, sich windende Prinzip des Lebens. Die Schlange verkörpert Bewegung ohne Ziel, Kraft ohne Sichtbarkeit, Wandel ohne lineare Richtung. Lu sind Träger von Fruchtbarkeit und Krankheit zugleich: Wo sie geehrt werden, fördern sie Gleichgewicht; wo sie verletzt werden, reagieren sie mit Störung. Ihre Gestalt zeigt, dass Leben nicht nur aufsteigt, sondern auch in der Tiefe zirkuliert.
Esoterisch gelesen repräsentieren Lu die unsichtbare Empfindlichkeit der Welt. Sie reagieren auf Unachtsamkeit, Grenzverletzung und Missachtung von Maß. Rituale im alten Tibet zielten daher nicht auf Beherrschung der Lu, sondern auf Besänftigung und Ausgleich. Die Beziehung zu ihnen ist nicht moralisch, sondern ökologisch: richtig oder falsch zeigt sich in Wirkung.
In tieferer symbolischer Bedeutung stehen die Lu für eine Wirklichkeit, in der Natur nicht neutral ist. Die Schlangengestalt macht deutlich, dass Ordnung verletzlich ist und Antwort gibt. Lu erinnern daran, dass Wasser, Boden und Tiefe eigene Würde besitzen – und dass menschliches Handeln Resonanz im Unsichtbaren erzeugt.