Die Navnath-Sampradaya („Tradition der Neun Naths“) ist eine spirituelle Überlieferung innerhalb der indischen Nath-Tradition, die ihre Ursprünge im mittelalterlichen Indien hat. Das Wort Navnath bedeutet „neun Meister“ oder „neun Herren“, während Sampradaya eine spirituelle Überlieferungslinie bezeichnet. Die Navnaths gelten als legendäre verwirklichte Meister, die spirituelle Erkenntnis und yogisches Wissen an spätere Generationen weitergaben.
Die genaue historische Zusammensetzung der neun Naths variiert je nach Region und Tradition. Zu den bekanntesten Gestalten gehören Matsyendranath und Gorakhnath, die als Begründerfiguren des Nath-Yoga verehrt werden. Die Navnath-Linie verbindet Elemente des Yoga, der Mystik, des Tantra und später auch der Advaita-Philosophie.
Symbolisch steht die Navnath-Sampradaya für das Prinzip der lebendigen Übertragung. Wahrheit wird hier nicht allein durch Bücher oder Dogmen vermittelt, sondern von Meister zu Schüler weitergegeben. Die spirituelle Linie dient als Brücke zwischen Ursprungserfahrung und gegenwärtigem Suchenden.
Parapsychologisch-symbolisch ist die Tradition bemerkenswert, weil sie zahlreiche Berichte über Siddhis – außergewöhnliche yogische Fähigkeiten – enthält. In den Nath-Legenden erscheinen Meister, die angeblich ihren Körper verwandeln, große Entfernungen überwinden, Gedanken lesen oder außergewöhnliche Bewusstseinszustände erreichen konnten. Gleichzeitig betonen die authentischen Lehren, dass solche Fähigkeiten lediglich Nebenprodukte spiritueller Entwicklung seien und nicht das eigentliche Ziel darstellen.
Eine besondere Bedeutung gewann die Navnath-Sampradaya durch Lehrer wie Siddharameshwar Maharaj, Nisargadatta Maharaj und deren Schüler. Über diese Linie gelangten zentrale Elemente der Nicht-Dualitätslehre im 20. Jahrhundert in den Westen und beeinflussten zahlreiche moderne spirituelle Bewegungen.
In tieferer symbolischer Bedeutung verkörpert die Navnath-Sampradaya den Archetyp der ununterbrochenen Weisheitskette. Die neun Naths stehen nicht nur für historische Personen, sondern für die Vorstellung, dass Erkenntnis über Generationen hinweg weiterlebt. Die Tradition symbolisiert die Kontinuität spirituellen Wissens und die Überzeugung, dass Wahrheit nicht neu erfunden werden muss, sondern immer wieder neu erkannt wird. Sie erinnert daran, dass hinter den wechselnden Formen religiöser Lehren ein Strom von Erfahrung fließt, der Menschen über Jahrhunderte miteinander verbindet.