Das Versailles-Abenteuer bezeichnet einen der bekanntesten Fälle der parapsychologischen Literatur. Im Jahr 1901 besuchten die beiden englischen Akademikerinnen Charlotte Anne Moberly und Eleanor Jourdain das Gelände des Petit Trianon bei Palace of Versailles. Später berichteten sie, während ihres Spaziergangs eine Reihe merkwürdiger Eindrücke erlebt zu haben: ungewöhnlich gekleidete Personen, eine eigentümlich veränderte Atmosphäre und Szenen, die ihrer Ansicht nach eher in das 18. Jahrhundert als in ihre Gegenwart passten.
Die beiden Frauen gewannen zunehmend die Überzeugung, dass sie nicht lediglich historische Kostüme gesehen hätten, sondern gewissermaßen einen Blick in die Zeit von Marie Antoinette erlebt hätten. Ihre Erlebnisse veröffentlichten sie später anonym im Buch An Adventure (1911), wodurch der Fall weltberühmt wurde.
Symbolisch steht das Versailles-Abenteuer für das Prinzip der durchlässigen Zeit. Vergangenheit erscheint hier nicht als abgeschlossen, sondern als etwas, das unter bestimmten Umständen erneut wahrnehmbar werden könnte. Die Geschichte berührt die Vorstellung, dass Orte Erinnerungen bewahren und historische Ereignisse eine Art Nachhall hinterlassen können.
Parapsychologisch-symbolisch wurde der Fall häufig als mögliches Beispiel eines Zeitrisses, einer Retrokognition oder einer ortsgebundenen Vision interpretiert. Retrokognition bezeichnet die angebliche Wahrnehmung vergangener Ereignisse ohne normale historische Kenntnis. Andere Forscher vermuteten psychologische Faktoren, Erinnerungskonstruktionen oder Missverständnisse hinsichtlich der tatsächlichen Umgebung. Das Versailles-Abenteuer wurde deshalb zu einem klassischen Streitfall zwischen paranormaler und psychologischer Deutung.
Besonders bemerkenswert ist, dass die beiden Frauen ihre Erinnerungen erst nachträglich miteinander verglichen und daraus eine zusammenhängende Geschichte entwickelten. Kritiker sahen darin einen Hinweis auf spätere gegenseitige Beeinflussung; Befürworter betrachteten die Übereinstimmungen als Argument für die Authentizität der Erfahrung.
In tieferer symbolischer Bedeutung steht das Versailles-Abenteuer für die menschliche Erfahrung, dass Vergangenheit niemals vollständig vergeht. Orte, Erinnerungen und historische Bilder leben im Bewusstsein weiter und können unter bestimmten Umständen mit außergewöhnlicher Intensität auftreten. Das Ereignis symbolisiert die Sehnsucht, die Grenzen der linearen Zeit zu überschreiten. Es stellt die Frage, ob Geschichte nur Erinnerung ist oder ob vergangene Wirklichkeiten manchmal noch als psychischer Nachhall im Raum der Erfahrung fortbestehen.