Siddhi (Sanskrit सिद्धि, tibetisch དངོས་གྲུབ་ ngödrub, wörtlich „Vollendung“, „Verwirklichung“) bezeichnet im indischen Yoga, Tantra und im Vajrayana‑Buddhismus die Resultate spiritueller Praxis. Siddhis sind keine Techniken, sondern Wirkungen – natürliche Ausstrahlungen eines Bewusstseins, das mit tieferen Schichten der Wirklichkeit in Einklang gekommen ist.
Symbolisch stehen Siddhis für die Durchlässigkeit der Wirklichkeit, sobald die gewohnte Fixierung auf ein isoliertes Selbst nachlässt. Kräfte wie Hellsicht, Heilung, außergewöhnliche Wahrnehmung oder Einfluss auf äußere Umstände gelten nicht als Wunder, sondern als Nebenprodukte veränderter Wahrnehmung. Die Welt wird nicht mehr als fest, sondern als formbar erfahren.
Esoterisch unterscheidet man zwischen gewöhnlichen Siddhis (z. B. besondere Fähigkeiten, Einsichten, energetische Wirkungen) und der höchsten Siddhi, die in der vollständigen Befreiung besteht. Letztere ist nicht spektakulär, sondern radikal einfach: die stabile Erkenntnis der Natur des Geistes. Alle anderen Siddhis gelten als zweitrangig und potenziell ablenkend.
In tantrischen Überlieferungen werden Siddhis häufig mit den Mahasiddhas verbunden – verwirklichten Meistern, deren unkonventionelles Verhalten zeigt, dass wahre Vollendung nicht an soziale Normen gebunden ist. Siddhi ist hier weniger Macht als Zeichen innerer Freiheit.
Symbolische Ebenen:
Phänomenal: veränderte Möglichkeiten innerhalb der Erscheinungswelt
Psychisch: Auflösung begrenzender Identität
Mystisch: spontane Wirksamkeit aus Erkenntnis
Schlüsselbilder: Mahasiddhas, leuchtender Körper, spontane Handlung, Aufhebung natürlicher Grenzen
Archetypische Funktion: Nebenfrucht der Erkenntnis, Prüfstein der Nicht-Anhaftung